
Geruchsdesign: Damit Autofahrer ihr neues Fahrzeug gut riechen können
Um das Fahrzeug ihrer Wahl zu finden, haken Autokäufer in der Regel eine Liste mit Kriterien ab: Größe, Preis, Kraftstoffverbrauch oder Funktionalität. Das alles kann man mit dem Verstand ent-scheiden. Doch spätestens bei der ersten Probefahrt kommen weitere Kriterien ins Spiel. Zum Beispiel der Geruch. Ob es im Fahrzeug gut oder schlecht riecht, frisch, künstlich, komisch oder gar nicht – das alles trägt bewusst oder unbewusst zur Kaufentscheidung bei. Den Autoherstellern ist das natürlich bekannt. Sie achten darauf, dass keine unangenehmen Gerüche die Fahrfreude trüben.
Doch der automobile Wohlgeruch ist weder objektiv noch konstant. Er hängt vom kulturellen Hintergrund der Autofahrer und vom Zeitgeist ab. In Asien beispielsweise mögen es viele Kunden, wenn es im Auto leicht nach Räucherstäbchen riecht, in arabischen Ländern ist die Duftnote Sandelholz beliebt. Deutsche Autofahrer fanden bis in die 70er Jahre: Ein neues Auto muss auch neu riechen. Erst mit dem aufkommenden Umweltbewusstsein wurde es verdächtig, wenn es im Innenraum nach Kunststoff roch. Heute will der deutsche Autofahrer das geruchlose Fahrzeug.
Duft aus dem Einmachglas
Welche Vorlieben der Kunde auch hat – die Chemie zwischen Fahrer und Fahrzeug muss einfach stimmen. Deshalb beschäftigt jeder Autokonzern ein Team von „Schnüfflern“, das den Geruch nicht dem Zufall überlässt. Bei VW und Audi arbeiten die Geruchsdesigner vor allem im Labor. Schon in der Entwicklungs- und Konstruktionsphase eines Modells nehmen sie Geruchsproben der einzelnen Werkstoffe. Von jedem Stoff im Innenraum, vom Schaltknüppel bis zur Sonnenblende, kommen ein paar Schnipsel in Einmachgläser. Die werden dann auf verschiedene Temperaturen erhitzt. Anschließend müssen die Proben von mehreren Testern freigegeben werden. Stoffe mit störendem Geruch haben keine Chance, in ein VW-Modell eingebaut zu werden. Auch beim fertigen Fahrzeug gibt es Geruchs-Stichproben: Tester setzen sich kurz in den Innenraum und achten auf olfaktorische Eindrücke.
Bei Citroën gehen die Entwickler noch einen Schritt weiter. Sie haben beispielsweise im C4 und C4 Picasso serienmäßig einen Parfümspender ins Lüftungssystem integriert. Er lässt sich fein dosieren, kann aber auch ganz abgestellt werden. Der Kunde wählt eine Kartusche mit seinem Lieblingsduft – Jasmin, Mimosa, Ambre Santal oder doch Vanille? So wird der Duft zum wichtigen Puzzleteil im Image des „sinnlichen Franzosen“. Auch Peugeot und Fiat haben für viele Baureihen Duftspender im Angebot.
Für das europäische Mazda-Team hingegen muss die Innenluft im Fahrzeug vor allem eines sein: rein. Auf dem Pariser Autosalon 2008 stellte Mazda die Kleinwagen-Studie „Kiyora“ vor. Statt den Innenraum zu parfümieren, wird die Außenluft mit einem Aktivkohlefilter gereinigt – wie bei einer normalen Klimaanlage, nur viel konsequenter. Das Fahrzeug wird zur Wellness-Oase, die den Fahrer vor der schädlichen Straßenluft abschottet. Dazu passt auch das Filtersystem, mit dem der Kiyora Regenwasser in Trinkwasser umwandeln kann. Der Name wird hier zum Programm. Denn im Japanischen steht „Kiyora“ für Begriffe wie „Reinheit“ und „Sauberkeit“.
Oh Wunderbaum...
Da machen sich die Autohersteller so viele Gedanken über die passende Duftstrategie! Doch kaum ist der Wagen verkauft, baumelt oft schon ein Wunderbaum am Rückspiegel. Erfunden wurde der Lufterfrischer vom Schweizer Julius Sämann. Der wanderte nach Kanada aus, lud dort eines Tages Schafe in sein Auto und litt noch tagelang unter dem Gestank. Praktischerweise arbeitete Sämann in der Parfü-mindustrie und entwickelte 1951 die kleinen duftenden Tannen aus Pappkarton. Was einmal mit Tannenduft begonnen hat, ist heute eine Palette mit 40 Duftnoten quer durch Wald und Obstgarten. Der deutsche Importeur, die Firma Böhm Vertrieb aus Schweinfurt, verkauft jedes Jahr Bäumchen im zweistelligen Millionenbereich. Die aktuellen Lieblingsdüfte der Deutschen sind Vanille (27 Prozent Marktanteil), Sportfrische (13), Neuwagen (10) und Grüner Apfel (7).