
Autoscheiben können mehr, als nur Wind und Fliegen abhalten. Sie unterstützen die Airbags, dämmen lästige Aussengeräusche und sparen CO2. Und in Zukunft soll es sogar intelligente Autoscheiben geben.
Die Autoscheibe – das unbekannte Wesen. Die wenigsten Autofahrer wissen, was ihre Scheiben tagtäglich alles leisten. Hauptsache, man kann durchschauen. Dabei sind Autoscheiben wahre Tausendsassas, die unterschiedliche Disziplinen beherrschen – von der Wärmeregulierung bis zur Lebensrettung. Fakt ist: Im Automobildesign zeichnet sich seit einigen Jahren ein klarer Trend zur Steigerung des Glas-anteils an der Karosserie ab. Während vor etwa 25 Jahren die durchschnittliche Glasoberfläche eines Autos noch drei Quadratmeter betrug, sind es mittlerweile 4,5 Quadratmeter. Gläserne Aussichten also für Autofahrer. Zahlreiche Autohersteller bauen bereits Fahrzeuge mit sogenannten Panorama-Windschutzscheiben. Diese gehen fließend ins Dach über und lassen besonders viel Licht in den Fahrzeuginnenraum. Ein weiterer Trend ist eine zusätzliche dreieckige Seitenscheibe. Der Vorteil dabei: die Autobauer haben mehr Spielraum bei der Positionierung des Seitenspiegels. Und der Autofahrer hat eine bessere Sicht. Auch flachere Windschutzscheiben, die den Luftwiderstand minimieren und die Windschnittigkeit verbessern, liegen voll im Trend.
Größere Sicherheit
Die Fahrzeugverglasung trägt außerdem zur Karosseriesteifigkeit des Fahrzeugs bei. Je weniger sich ein Fahrzeug auf unebener Fahrbahn oder in schnell gefahrener Kurve „verwindet", – je steifer also die Karosserie ist – desto sicherer ist das Fahrverhalten. Eine steife Karosserie ist auch im Falle eines Crashs sicherer. Darüber hinaus unterstützt die Fahrzeugverglasung die Funktion der Airbags. Sind die Front- oder Seitenscheiben beschädigt, können die Airbags an Wirkung verlieren. Deshalb ist bei einer Beschädigung der Scheiben eine unverzügliche Reparatur oder ein Austausch notwendig.Im Vergleich zu herkömmlichen Scheiben aus Einschei-bensicherheitsglas tragen Scheiben aus Verbundsicherheitsglas dazu bei, dass weniger Motor-, Roll- und Windgeräusche in den Fahrzeuginnenraum gelangen. Der Scheibenhersteller Saint-Gobain Sekurit hat Verbundsicherheitsglas mit einem speziellen geräuschdämmenden Kunststofffilm entwickelt, das nieder- und hochfrequente Geräusche reduziert. Für Musikliebhaber oder Intensivnutzer der Freisprechanlage empfiehlt sich eine Akustikverglasung, bei der zwischen den beiden Glasscheiben drei Folien sitzen, eine davon die sogenannte „Noise damping"-Schicht. Im aktuellen BMW 5er zum Beispiel werden Geräusche im Frequenzbereich von 2.000 bis 7.000 Hertz um bis zu fünf Dezibel gesenkt. Die Fahrzeuginsassen können sich besser unterhalten und das Navigationsgerät besser verstehen. Bei akustischen Glasdächern werden unangenehme Regengeräusche um bis zu zehn Dezibel reduziert.
Umweltschonend
Die Wahl des Glases hat auch Einfluss auf Kraftstoffverbrauch und CO2-Ausstoß. Weil Verbundsicherheitsglas bei gleicher Gesamtdicke weniger wiegt als Einscheibensicherheitsglas, sinkt das Gewicht und damit der Kraftstoffverbrauch des Fahrzeugs. Spezielles Wärmeglas sorgt für thermischen Komfort, indem es die Sonnenenergie absorbiert oder reflektiert. Die silberne, reflektierende Schicht in den Scheiben hält einen großen Teil der Sonneneinstrahlung ab. Deshalb heizt sich das Wageninnere nicht mehr so stark auf, und die Ma-terialien im Innenraum bleichen nicht mehr so schnell aus. Das ganz dunkle Privacy-Glas, das nur in den hinteren Seitenscheiben und in den Heckscheiben eingesetzt werden darf, unterstützt die Wärmedämmung ebenfalls.Weniger Hitze im Innenraum senkt aber auch indirekt den Kraftstoffverbrauch. Denn der Kühlprozess einer Klimaanlage erhöht den Kraftstoffverbrauch und damit den CO2-Ausstoß. Wenn sich der Innenraum nicht mehr so stark aufheizt, muss die Klimaanlage weniger leisten. Dunkel getönte Verglasung ab der B-Säule spart Benzin und reduziert den CO2-Ausstoß um zirka 1,6 bis 1,9 Gramm pro Kilometer. Der zusätzliche Verbrauch, der durch die Klimaanlage entsteht, wird nach Messungen des Glasherstellers Saint-Gobain Sekurit um etwa 11 bis 13 Prozent reduziert.
Alleskönner
„Intelligentes" Glas kann sich auf Wunsch verdunkeln. Bei der sogenannten elektrochromen Verglasung bestimmt der Autofahrer selbst den Grad des Lichteinfalls in das Fahrzeuginnere. Durch einen Regler im Cockpit lässt sich der Tönungsgrad des einfallenden Lichts von vier Prozent bis 20 Prozent frei wählen. Autoglas wird in Zukunft aber auch leuchten können: Es gibt bereits Sonnendächer, die zwar transparent sind, aber aufgrund einer Folie abends und nachts Licht abgeben können. Eine neue Technik wird mittlerweile auch bei beheizten Frontscheiben eingesetzt. Während bisher feine Mikrodrähte die Sicht störten – vor allem nachts bei Licht vom Gegenverkehr – wird nun eine ganzflächige Metallschicht eingesetzt, die das Auftauen von Eis im Winter ermöglicht und das Aufheizen bei Sonne verhindert. Eine spezielle Antireflex-Beschichtung reduziert außerdem die Reflexionen des Armaturenbretts. Und auf wasserabweisenden Scheibenbe-schichtungen bilden sich bei Regen kugelförmige Wassertropfen, die nicht an der Glasoberfläche haften bleiben, sondern leichter vom Fahrtwind weggetragen werden.Die Fahrzeugverglasung wird einen stärkeren Einfluss auf das Fahrzeugdesign haben. Für kleine Flächen wie die hinteren Seitenscheiben oder die Lampen soll in Zukunft vermehrt Kunststoff, das sich komplex formen lässt, eingesetzt werden. Der Smart Fortwo ist sogar mit einem Panoramadach aus Kunststoff ausgestattet. Eine leichte Tönung lässt lediglich 40 Prozent der einstrahlenden Sonnenenergie und überhaupt keine UV-Strahlung ins Fahrzeuginnere dringen.In einigen Jahren soll es außerdem möglich sein, auf elektroluminiszentem Glas Informationen darzustellen. Zum Beispiel Verkehrszeichen oder Warnhinweise auf der Frontscheibe oder Videos und Internetseiten auf den hinteren Seitenscheiben. Große Hoffnungen ruhen auch auf der Nanotechnologie, mit deren Hilfe Wasser und Schmutz besser von den Scheiben abgleiten sollen. Vielleicht wird dann irgendwann einmal sogar die samstägliche Autowäsche überflüssig…