Lindemanns fahren nach Italien

Nach dem Tod der Lindemanns waren ihre Erinnerungen nicht mehr viel wert. Der Käufer ihres Hauses fand ihre Fotoalben auf dem Dachboden und legte sie zum Sperrmüll. dort fand sie ein türkischer Trödelhändler …

Der packte sie in eine Plastikkis­te und bot sie auf einem kleinen Flohmarkt an. 30 Euro für alles. Fast wäre nichts geblieben, dabei hatten sich die Lindemanns viel Mühe gegeben – er, Wolfgang, an der Kamera, und sie, Ilse, mit den Alben. Speziell dieses eine hatten sie liebevoll geführt. Es beginnt 1954 mit dem Ausruf „Wir werden Automobilisten!“, dazu Fotos eines VW Brezelkäfers, drei Jahre alt. Ein gebrauchter mit unsynchronisiertem Getriebe und Faltdach. Und es endet mit den Bildern einer Italienreise im selben Sommer. Seen, Sonne, Palmen, Palazzi und die erste Pizza des Lebens. In Deutschland kannte die neun Jahre nach dem Krieg noch keiner. Und die weiteste Reise der Lindemanns hatte zuvor nach Todtmoos im Schwarzwald geführt. Das alles ist überliefert, obwohl Lindemanns keine Kinder hatten. Aber sie hielten in den Alben sogar ihre Adresse in Frankfurt fest. So führt die Reise nach 54 Jahren, zehn Monaten und 23 Tagen nicht nur an die Orte von damals. Sie beginnt auch dort, wo die Lindemanns losfuhren: vor einem schlichten Wohnblock in der Nähe des Messegeländes, bürgerliche Gegend. Wolfgang Lindemann war Diplom-Volkswirt bei der „Aktienbaugesellschaft für kleine Wohnungen“, seine Frau technische Zeichnerin. Gutverdiener waren sie.

 

Vollgas auf der Autobahn
Das Album verrät auch, dass die Reise am 29. August begann, einem Sonntag am Ende des verregneten Sommers, in dem Helmut Rahn die Deutschen mit seinem Tor zum 3:2 zu Fußballweltmeistern machte. Jetzt versprach der Wetterbericht 25 Grad und schwachen Wind. Lindemanns müssen Frankfurt früh verlassen haben. „Mittag in Starnberg“, steht in ihrem Album. Und abends waren sie in Mittenwald. Heute sitzen die Reisenden im alten Käfer und grübeln, wie das 1954 so schnell möglich war. Einzige Antwort: Vollgas, Tempo 110 und das Rollenpedal in den Schlingenteppich des VW gestemmt. Die Autobahn von 1954 muss leer gewesen sein. Mittenwald am nächsten Morgen: Der Touristenort am Karwendel wirkt tröstlich, weil er zeigt, wie wenig sich in 55 Jahren verändern muss. Natürlich ist die Kirche im Dorf geblieben, Lindemanns haben sie fotografiert. Aber auch das Schild des Hotels „Alpenrose“ ist noch dasselbe, ebenso das Kassenhaus der nahen Tankstelle und sicher auch der Resopal-Tresen der Bäckerei Gast, die mit ihren goldprämierten Orgelwecken wirbt.

 

Weiter nach Italien
Sogar einen Umweg trauten sie sich: Die Brennerstraße lag nah, aber das Album zeigt den Käfer auch oben auf dem Sellajoch, 2240 Meter über dem Meer. Der Weg über die Dolomiten war unvernünftig, aber großes Kino – größer als alles, was die 45 Frankfurter Lichtspielhäuser im Sommer 1954 zu bieten hatten. Sie hatten Premierenplätze in ihrem 1951er-Käfer, sahen die Gipfel der Dolomiten durchs geöffnete Faltdach, ihre Begleitmusik war das Kreischen des VW, der sich im zweiten Gang die 22 Kilometer bis zum Gipfel hochschraubte. Dann stieg Frau Lindemann vor der Holzhütte aus, in der Ansichtskarten und Getränke verkauft wurden. Herr Lindemann fotografierte, und heute lässt sich vergleichen: Das Cinzano-Reklameschild fehlt, die Porzellan-Isolatoren an der Stromleitung sind noch da.

 

Doch manchmal wird die Romantik auf den Spuren des alten Albums blass. Eine verträumte Landstraße bei Brixen hat sich in eine überbreite Verkehrshölle verwandelt, nur das Kloster auf dem Berg ist das alte. Der Weg ist kein Ziel mehr, liebe Lindemanns: Hätten Sie 1954 geahnt, wohin uns die große Reisewelle trägt? Größtes Ziel von damals war das durchdringende Blau des Gardasees. Die alten Fotos zeigen nur graues Glitzern, aber auf einem Bild parkt der Käfer in der leeren Innenstadt von Salò. Mittag, kaum ein Mensch weit und breit, wohl auch kein Geräusch. Es muss fast surreal gewesen sein, dieses Gefühl von Ferne, Einsamkeit und, ja, Exotik. Selbst Reiseführern fehlten die Worte. „Die Gegend ist von unaussprechlichem Reiz“, heißt es in einem Band von 1955.

 

Haben Lindemanns manchmal in ihrem alten Album geblättert? Die heutigen Reisenden im Käfer würden es gern wissen, aber Lindemanns sind ja gestorben, sie schon 1976, er im Jahr 2003.