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Mensch, Auto!
Das Verhältnis zwischen Mensch und Auto verändert sich. Neuerdings sprechen sie sogar miteinander. Bald plaudern auch die Autos untereinander. Total verrückt? Nein, total vernetzt.
Der moderne Mensch ist vernetzt. Er hat ein Smartphone. Damit ist er fast ständig online, liest E-Mails und chattet in sozialen Netzwerken. Auch die Automobilhersteller haben das Smartphone nebst mobilem Internetzugang für sich entdeckt. Die Zeiten, in denen der moderne Mensch wenigstens beim Autofahren offline war, sind wohl bald vorbei.
Interview mit Automobilprofessor Ansgar Meroth
Herr Meroth, wie lange dauert es noch, bis Autos autonom fahren und die Fahrer nebenher E-Mails schreiben können? Unsere Autos fahren heute schon teilweise autonom. Die Einparkhilfe parkt selbstständig ein, der Abstandsregeltempomat und künftig auch der Stop-and-go-Assistent geben Gas und bremsen, der Spurhalteassistent lenkt. Wie sich das jetzt entwickelt, hängt von der Nachfrage ab und möglicherweise auch davon, wie viel in eine kommunikationsfähige Infrastruktur investiert wird. Dass der Fahrer nebenher etwas ganz anderes macht, wird es allerdings nicht geben. Denn sobald er abgelenkt ist, ist er nicht mehr Herr der Lage.
Bedeutet die Vernetzung zum Beispiel mit dem Internet oder Smartphone nicht zwangsläufig Ablenkung? Es gibt weltweit sehr strenge Richtlinien, welche Inhalte während der Fahrt angezeigt werden dürfen und welche nicht. Unterhaltende Inhalte zum Beispiel dürfen für den Fahrer während der Fahrt nicht sichtbar sein. Heutzutage ist es aber technisch kein Problem, dass der Fahrer die Navigationskarte sieht und der Beifahrer auf derselben Anzeige ein Video. Es liegt natürlich auch in der Verantwortung des Fahrers, wie sehr er sich ablenken lässt. In naher Zukunft wird es auch Kameras geben, die das Blickverhalten des Fahrers analysieren. Vermutet der Blickassistent, dass der Fahrer unaufmerksam ist, warnt er mit einem Piep. Kommt keine Reaktion, fährt das Auto einfach rechts ran.
Ist der Fahrer denn überhaupt noch Herr über sein Fahrzeug? Ein Stück weit macht sich das Auto selbstständig. Das ESP bremst und begrenzt die Motorleistung heute schon, wenn es glatt ist. Es macht Sinn, dass die Assistenten weitgehend autonom arbeiten. Bei einem großen Teil der schweren Unfälle bekommt der Fahrer die Ursache ohnehin nicht mit. Ich für meinen Teil finde es ausgesprochen praktisch, wenn ich mich nicht um alles kümmern muss. Das Auto informiert zum Beispiel die Werkstatt, wenn eine Inspektion fällig oder das Reifenprofil abgefahren ist. Sensoren in Parkhäusern lotsen mich zum Parkplatz und die Parkgebühr wird gleich vom Konto abgebucht.
Apropos Konto – wie sieht es mit dem Datenschutz aus? Wenn Fahrzeuge miteinander vernetzt und via Smartphone zugänglich sind, stellt sich automatisch die Frage nach Sicherheit und Datenschutz. Man gibt ja nicht nur Informationen über das Auto und die Fahrgewohnheiten, sondern auch einen Teil der Persönlichkeit preis. Theoretisch ist es natürlich auch möglich, ein Auto zu hacken und etwa den Motor oder die Bremse zu manipulieren. Deswegen ist eine entsprechende Verschlüsselung notwendig. Und dann wäre da noch der juristische Teil: Was, wenn doch mal ein Unfall passiert? Wer ist verantwortlich – Technik oder Fahrer? Welche Daten dürfen bei den Ermittlungen verwendet werden? Diese Fragen sind noch nicht abschließend geklärt.
Die Forschungen auf diesem Gebiet laufen auf Hochtouren. Die Hersteller lassen den Ideen ihrer Ingenieure freien Lauf und zeigen in sogenannten Konzeptautos, was theoretisch möglich ist. Der Hersteller Continental tüftelt beispielsweise an seinem Forschungsfahrzeug „Simplify your Drive“, was so viel bedeutet wie „Vereinfache deine Fahrt“. Dort können Auto und Mensch via Smartphone kommunizieren. Das Handy mutiert zum virtuellen Schlüssel, öffnet und startet das Auto, das auch gleich noch die individuelle Sitzposition und den Lieblingsradiosender einstellt. Mit einer druckempfindlichen Bedien-oberfläche, die der von Tablet-PCs ähnelt, lässt sich per Handynetz UMTS auch das Internet ins Cockpit bringen und bedienen. Je intuitiver das System, desto geringer ist die Ablenkung vom Straßenverkehr.
Mein Auto versteht mich
Mit dem Informations- und Unterhaltungssystem „Sync“ können europäische Ford-Fahrer ab 2012 sogar mit ihrem Auto sprechen. Mit Sprachbefehlen steuert eine Software zum Beispiel das Navigationsgerät und regelt die Klimaanlage, synchronisiert sich mit dem Smartphone oder dem Laptop und liest E-Mails und SMS vor. Bei einem Unfall verständigt Sync selbstständig die Notrufzentrale. Es beherrscht mehr als 10.000 Befehle in 19 Sprachen. Selbst mit Akzenten scheint Sync keine Probleme zu haben. Den Amerikanern gefällts – in den USA hat Ford damit schon drei Millionen Kunden gelockt.
Das Konzept von BMW heißt „Connected Drive“. In einigen Modellen sind Bestandteile dieser „Vernetzten Fahrt“ schon heute umgesetzt. Über das Bediensystem „iDrive“ können Fahrer und Beifahrer im Internet surfen – ein multifunktioneller Controller auf der Mittelkonsole dient als Maus. Routen lassen sich am PC auswählen und ins Fahrzeug übertragen. Seit neuestem zeigt der Bildschirm im Cockpit sogar das Display des iPhones an. Das Szenario der Zukunft: Sobald der Fahrer ins Auto steigt, verbindet sich das Smartphone automatisch mit dem Fahrzeug. Die Autoelektronik synchronisiert sich mit dem Terminkalender. Das Navi schnappt sich den nächsten Termin mit hinterlegter Adresse und startet die Zielführung. Aktuelle Verkehrsdaten und Parkmöglichkeiten am Zielort fließen in die Routenberechnung ein. Das Auto ist also nicht mehr nur Fortbewegungsmittel, sondern wird zum persönlichen Assistenten – ein Smartphone auf Rädern.
X-Faktor
Audi geht mit „Audi connect“ noch einen Schritt weiter. Die Ingolstädter erproben, was Fachleute Car-to-X-Kommunikation nennen. Die Autos sind nicht nur mit Handys vernetzt, benutzen Navigationskarten von Google Earth und rufen brandaktuelle Verkehrsdaten online ab – sie tauschen auch Daten mit der Infrastruktur aus. Bekanntes Beispiel ist das Lkw-Maut-System. Bereits 2006 startete das Projekt Travolution: In Ingolstadt lernten rund 25 Ampelanlagen durch Sender und Antennen, mit den Autos einer Testflotte zu kommunizieren. Sie teilen mit, wann sich ihre Lichtsignale ändern und welche Geschwindigkeit optimal ist, um die Grünphase zu erwischen. Die Messungen zeigen: Die intelligente grüne Welle kann die CO?-Emissionen an den Ampeln um 15 bis 20 Prozent senken. In der Testphase verkürzten sich die Wartezeiten an Ampeln im Tagesdurchschnitt um 21 Prozent.
Autos unter sich
Bleibt noch der Plausch zwischen den Autos selbst – ein Forschungsfeld mit gewaltigem Potenzial. Vor allem wenn man bedenkt, dass Autos schon heute viel mehr wissen als der Lenker. Dafür verantwortlich sind zahlreiche kleine Helferlein, die Sensoren. ABS, ASR, ESP, Außenthermometer und Sensoren für Licht und Regen – sie alle messen permanent und geben die Daten an die Bordelektronik weiter. Gelänge es, diese Daten durch ein drahtloses Netzwerk mit anderen Fahrzeugen zu teilen, wäre das ein enormer Gewinn für die Sicherheit. Fährt ein Auto sehr langsam oder bremst es abrupt, etwa bei einem Unfall oder Stau, gibt es die Information an die Fahrzeuge in der Umgebung weiter. Drehen bei niedrigen Temperaturen die Räder durch und sind die Scheibenwischer in Betrieb, kombiniert die Bordelektronik „Vorsicht, glatt“ und warnt nachfolgende Autos. Diese melden dem Fahrer die Neuigkeit und er kann die Geschwindigkeit rechtzeitig drosseln oder die Nebelscheinwerfer einschalten. Im Notfall könnten die Autos auch eigenständig reagieren – etwa wenn das vorausfahrende Fahrzeug eine Vollbremsung macht und der Aufprall wahrscheinlich ist. Für solche Sendemanöver brauchen die Fahrzeuge im Prinzip nur einen GPS-Sender zur Ortsbestimmung via Satellit und ein drahtloses Netzwerk. Klingt einfach? Ist es aber nicht. In vielen Fällen, etwa bei einem Unfall, müssen lediglich die nachfolgenden Autos aufpassen und nicht die vorausfahrenden oder der Gegenverkehr – der Nachrichten-Staffellauf muss also sprichwörtlich nach hinten losgehen. Auch wenn technisch schon Vieles möglich ist, wird es noch einige Jahre dauern, bis die Feinabstimmung zwischen den Autos reif ist für die Serienproduktion. Damit die Car-to-X-Kommunikation den Straßenverkehr wirklich sicherer und flüssiger macht, müssen rund ein Drittel der Fahrzeuge technisch zum Plaudern aufgelegt sein. Die Hersteller treiben die Entwicklung voran, denn sie haben eine gemeinsame Vision: ein lückenlos vernetztes Automobil, das sogar – zumindest zeitweise – alleine fährt.
Ansgar Meroth









