Futuristische Prototypen

Der Boostrac von Hankook ist ein Prototyp für Wüsten- und Gebirgsregionen. Alpike soll mit extremen Schneeverhältnissen zurechtkommen. Die Schaufeln des hyBlade von Hankook sollen Regenwasser perfekt ableiten. (Bilder: Hersteller)
Der IntelliGrip von Goodyear sammelt über einen Chip Infos über die Straßenverhältnissen. (Bild: Hersteller)
Goodyears Eagle 360 könnte eines Tages seitliche Fahrmanöver ermöglichen. (Bild: Hersteller)
 

Kann man das Rad neu erfinden? „Ja!“ sagen viele Reifenhersteller und arbeiten an futuristischen Prototypen für selbstfahrende Autos. Sensoren im Gummi sind erst der Anfang.

Mehr als 120 Jahre ist es her, dass die Gebrüder Michelin zum ersten Mal einen luftgefüllten Reifen an ein Auto montierten. Seitdem hat sich der Pneu in Form und Aussehen wenig verändert. Doch schon bald könnte ein fundamentaler Reifenwechsel anstehen. Grund dafür sind die hoch- und vollautomatisierten Fahrzeuge, die in den kommenden fünf Jahren erstmals auf den Straßen fahren sollen. Denn je mehr Informationen Sie durch ihre Sensoren bekommen, desto sicherer fahren sie. Als direktes Verbindungsteil zur Straße spielt der Reifen dabei eine wichtige Rolle. Die Hersteller sehen die Veränderungen als Chance für mutige Weiterentwicklungen und forschen an Konzepten, die teils so wirken, als kämen sie aus einem Science-Fiction-Film.

Gummi denkt mit

Sensoren im Reifen sind nichts Neues. Bislang messen sie nur Luftdruck und Temperatur. Der US-Reifenhersteller Goodyear geht mit seinem Konzeptreifen „IntelliGrip“ ein paar Schritte weiter: Durch einen Mikrochip, der sich auf der Innenseite des Reifens befindet, und ein spezielles Reifenprofil kann er die Straße „lesen“ und wichtige Informationen an die Steuerungssysteme automatisierter Fahrzeuge schicken. So erkennt der IntelliGrip unterschiedliche Fahrbahnbeschaffenheiten, Witterungsbedingungen und den aktuellen Reifenzustand. Das Auto könnte dadurch etwa Eis- oder Schneeglätte auf einem Streckenabschnitt erkennen, seine Geschwindigkeit anpassen und zusätzlich noch andere Fahrzeuge über das Internet warnen. Laut Hersteller könnte der IntelliGrip in knapp fünf Jahren  auf den Markt kommen.

Schwebekugel

Mag der IntelliGrip noch recht bodenständig daher rollen, so beamen sich Goodyears Ingenieure mit dem Prototyp „Eagle 360“ in neue Dimensionen. Der Reifen ist eigentlich gar keiner, sondern eine große Gummikugel. Mit dem Auto soll er nicht etwa durch eine herkömmliche Radaufhängung, sondern durch ein Magnetfeld verbunden sein. Die Karosserie würde also praktisch darüber schweben, wie es heute schon durch die Transrapidtechnik möglich ist. Dank seiner Form soll der „Eagle 360“ mehr Stabilität und Rollfläche bieten, als herkömmliche Reifen. Außerdem könnten Fahrzeuge mit ihm nicht nur vor und zurück fahren, sondern auch seitwärts und im Kreis. Dadurch wäre das Ausweichen vor Hindernissen schneller möglich und auch das Einparken fiele leichter, weil der Wagen einfach seitlich in Parklücken am Straßenrand gleiten könnte.

Aber nicht nur die Form, auch das Reifenprofil des „Eagle 360“ wirkt sehr futuristisch: Es stammt aus dem 3D-Drucker und imitiert die rillenförmige Oberflächenstruktur einer Hirnkoralle. Bei Nässe kann es das Wasser wie einen Schwamm aufsaugen und zur Seite hinauspressen, wodurch gefährliches Aquaplaning vermieden wird. Im Inneren der Kugel befindet sich keine Druckluft, sondern Gummi und jede Menge Sensoren. Der „Eagle 360“ ist frühestens im Jahr 2035 Serienreif. Bis dahin soll er als visionäres Konzept vor allem Denkanstöße liefern.

Die Luft ist raus

Genau wie der „Eagle 360“ wird wohl auch der Michelin „X Tweel“ nie mit einer Druckluftpumpe in Berührung kommen. Er besteht nämlich nur aus einem Gummireifen und einer Radfelge, daher auch sein Name, der sich aus den englischen Begriffen für Reifen (tire) und Rad (wheel) zusammensetzt. Statt gepresster Luft federn formbare Kunststoffspeichen aus Polyurethan den X Tweel ab. Das macht ihn so flexibel, dass er sogar Stufen erklimmen und gefahrlos über scharfkantige Gegenstände fahren kann, die herkömmliche Autoreifen aufschlitzen würden. Laut Hersteller ist der X Tweel nahezu unverwüstlich. Nur die Lauffläche aus Gummi muss von Zeit zu Zeit erneuert werden. Der innovative Reifen ist keine Zukunftsmusik: An Kompaktladern, Golf Carts und Rasenmähern kommt er bereits zum Einsatz, die Umsetzung für PKW steht aber noch aus.

Trio für alle Fälle

Im Jahr 2015 entwickelte der Reifenhersteller Hankook zusammen mit der Hochschule Pforzheim drei Konzeptreifen für unterschiedliche Terrains: Das Profil des „Boostrac“ besitzt eine variable Blockstruktur, die sich bei Bedarf ausdehnt und die Traktion verbessern soll. Laut Hankook eignet sich der Reifen gut für raue Wüstengegenden und steile Berghänge. Das Modell „Alpike“ verfügte über scharfe Kanten, die sich zwischen der Lauffläche aufstellen, und kann sich zur Seite und nach oben hin vergrößern. Dadurch bietet der Reifen auch bei großen Schneemengen und Eis festen Halt. Noch exotischer ist der „hyBlade“: Bei starkem Regen verbreitert sich seine Lauffläche und erinnert dann an ein Wasserrad, das zusammen mit ausfahrbaren Seitenschaufeln eine effiziente Wasserableitung ermöglichen soll. Ob und wann Hankook das wandlungsfähige Trio auf die Straße bringt, steht aber leider noch nicht fest.